ICON, EOS: Wen interessiert’s, wenn’s brennt?

Kurz nach dem Start des Mainnets ist die EOS-Blockchain für einige Zeit eingefroren. Bei ICON hat derweil ein Bug im Smart Contract alle Token eingefroren. Die wichtigste Frage ist jedoch: Warum bleibt der Kurs der beiden Währungen einigermaßen stabil?

Ich glaube, es gibt angenehmere Nachrichten als die von EOS und ICON. Aber da die gegenwärtigen Kurse Lust auf schlechte Nachrichten machen, wollen wir einen kleinen Blick auf die beiden Währungen werfen.

EOS: Block Producer schalten Blockchain aus

EOSArgentinia – einer der Top-Block-Producer von EOS – hat vor zwei Tagen über Steemit eine Nachricht der 21 Block-Producer und der wichtigsten “Standby Nodes” verkündet:

Um 9:56 Uhr hat das EOS-Mainnet eine Pause eingelegt. Um 10:01 kamen die Block-Producer und die Standby Nodes in einer internationalen Konferenz-Schaltung zusammen, um das Problem zu identifizieren und zu lösen.

Um 10:57 Uhr wurde entschieden, dass alle Standby Nodes und Block-Producer ihre Nodes abschalten und ein Backup von allen Informationen machen, die hilfreich sein können, um das Problem zu diagnostizieren.

Um 11:02 Uhr wurde eine Methode vorgeschlagen, um die Chain wieder zu aktivieren. Diese ist nun auf dem Weg …

Dann ruft EOSArgentinia die User auf, auf ein Update der Block-Producer zu warten, bevor sie versuchen, eine Transaktion auf dem Mainnet zu versenden. Die konkreten Gründe für das Einfrieren der blutjungen Kryptowährung, die mit einer Marktkapitalisierung von fast 10 Milliarden Dollar auf dem 5. Platz auf Coinmarketcap steht, sind noch nicht ganz klar. Es gab einen Verdacht auf DoS-Angriffe, oder auf Fehler im Code, die verhinderten, dass die Block-Producer die notwendige Anzahl an Stimmen aufbringen konnten. Einer anderen Erklärung zufolge hat das EOS-Netzwerk die Funktion, dass es anhält, sobald es ein Konsens-Problem gibt, um zu verhindern, dass es zu einer Fork kommt.  Ist auch egal. Drei Stunden später wurde der Bug von Block One bereinigt, und seitdem scheint EOS wieder zu laufen.

Und als hätte EOS damit nicht genug demonstriert, dass es sich um keine echte Kryptowährung, sondern um ein von einem Kartell kontrolliertes Netzwerk handelt, haben die EOS-Block-Producer sich kurz darauf geeinigt, sieben Accounts einzufrieren, von denen sie denken, dass sie in einen Betrug verwickelt waren. Halleluja.

ICON: Jeder kann Token-Transfer ausschalten

Noch schlimmer kommt es, wenn wir uns ICON zuwenden. ICON (ICX) ist derzeit ein ERC20-Token auf Ethereum, das aber, wenn es einmal erwachsen geworden ist, als ein “Nexus” verschiedene Blockchains verbinden soll. Ziel ist es, eine Blockchain-Architektur für verschiedene Unternehmen und Institutionen Koreas bereitzustellen, von Banken über Universitäten zu Krankenhäusern. Sozusagen die ultimative Datenbank des Landes.

Hinsichtlich der technischen Details bleibt das Whitepaper allerdings recht vage. Die Investoren hat dies offenbar nicht gestört; der Hinweis auf die eventuelle oder bereits angekündigte Beteiligung großer koreanischer Institutionen hat wohl ausgereicht, um ICON zu einem der Top-10-Token zu machen, das mit einer Marktkapitalisierung von fast 800 Millionen Dollar zumindest schon mal die Gründer ziemlich reicht gemacht haben dürfte.

Vor zwei Tagen wurde nun ein Bug in dem ERC20-Contract des ICON-Token publik, der es unmöglich gemacht hat, Tokens zu versenden. Ich versuche, den Bug so einfach wie möglich zu erklären: Der Contract hat die Funktion, das Senden von Token an- oder abzuschalten. Gewöhnlich darf dies nur der Besitzer des Contracts – also ICON selbst – machen, und in dem Fall kann es eine sinnvolle Funktion sein, um Schäden zu verhindern. Im ICON-Contract gab es jedoch einen Fehler: Die Bedingung, um Transaktionen ab- oder anzustellen, ist nicht, der Besitzer des Contracts zu sein – sondern die, NICHT der Besitzer zu sein. Programmiertechnisch ist der Bug der kleine Unterschied zwischen = (ist gleich) und != (ist ungleich).

Zum Glück haben die Entwickler von ICON bereits eine Lösung für das Problem gefunden. “Wir haben eine Lösung implementiert, um weitere Probleme zu beheben. Alle ERC20 ICX-Token sind sicher.”  Tatsächlich funktionieren die Token-Transfer wieder, wie ein Blick auf den Contract in einem Ethereum-Blockexplorer zeigt. Die Lösung ist offenbar, einfach von einer anderen Adresse aus immer dann den Befehl abzusenden, dass Transfers angeschalten sind, wenn sich jemand erlaubt, sie abzuschalten. Lustig, oder?

Die beunruhigender Frage …

Sowohl der eine wie der andere Bug sind zum Kopfschütteln. EOS, die dezentrale Kryptowährung des Krypto-Genies Dan Larimer, hat einen Bug und wird durch ein Kartell und eine Firma (Block One) davor bewahrt, kaputt zu gehen – und ICON, die 800-Millionen-Dollar-Blockchain für Südkorea, schummelt ein “!” an der blödest denkbaren Stelle in den Code, was zum vollkommenen Kollaps führen würde, wenn man nicht die Ethereum-Blockchain mit “Anschalt”-Befehlen spammt.

Der Blockchain-Forscher Emin Gün Sirer twitter daher auch eine Vorhersage: “Es wird einen massiven Hack einer Börse im Lauf der nächsten 12 Monate geben, der einen Bug in EOS ausnutzt. Die Börse wird ihre Hot Wallet verlieren … Ich treffe diese Vorhersage nicht aufgrund einer spezifischen Schwäche, die ich im EOS-Code vermute, sondern weil ich das Git des Projekts gelesen und gesehen habe, wie sie mit kritischen Sicherheitsbugs umgehen.”

Die große, und für alle, die weder in die eine noch die andere Währung involviert sind, viel beunruhigende Frage ist daher: Warum, zum Henker, sind die Kurse von EOS und ICON nicht abgestürzt? Beide Währungen haben in den letzten Tagen zwei bis drei Prozent an Wert verloren, aber damit stehen sie absolut nicht alleine da. Wir erleben hier dasselbe wie bei den 51-Prozent-Angriffen auf Bitcoin Gold und Verge: Die Märkte quittieren massive Schwächen in einer Blockchain-Währung nicht mit einem Abverkauf, sondern scheinen sie gelassen zu ignorieren.

Wie … Warum?

Die Antwort könnte einfach sein: “Die Märkte sind nicht rational, und so weiter”. Vielleicht. Vielleicht sind die Kryptomärkte weiterhin so überhitzt, dass selbst gravierende Ereignisse nicht zu Verkaufs-Orgien führen; vielleicht sind die Kurse von sowohl EOS als auch ICON durch die Besitzer der Coins so stark manipuliert, dass es kaum mehr darauf ankommt, was wirklich dahinter steckt; vielleicht haben die Trader, die den Kurs machen, auch gar nichts von den Vorfällen mitbekommen bzw. nur durch die beruhigenden Statements der Entwickler von ihnen gehört.

All das könnte sein, und mit Sicherheit spielt es auch eine Rolle. Aber meist sind solche Erklärungen zu einfach, und meist übersehen sie etwas, das vielleicht wichtig ist. Was könnte es also noch für Gründe geben, dass die Kurse von EOS und ICON relativ stabil bleiben?

Für EOS könnte man sagen, dass der Vorfall eben bewiesen hat, dass es funktioniert. EOS soll ja eine moderierte oder regierte Blockchain sein; dass ein Kartell der Block-Producer in der Lage ist, tief in die Funktionen der Blockchain einzugreifen, ist so gesehen kein Bug, sondern ein Feature. Indem die Block-Producer sich nun schnell per Konferenz-Call auf eine Lösung geeinigt haben, die rasch und erfolgreich umgesetzt wurde, demonstrieren sie, dass der soziale Mechanismus, der EOS sichern soll – das Eigeninteresse der Block-Producer, zu tun, was richtig ist – funktioniert. Und als Bonus kann der Konsens der Block-Producer auch helfen, “kriminelle” Angriffe abzuwehren, indem sie verdächtige Accounts auf eine Blacklist setzen.

Man könnte sagen, es handele sich um eine formalisiertere Inkarnation des “Nakamoto Konsens”, der Bitcoin sicher hält. Würde es hier einen Bug geben, würden die Miner auch gemeinsam handeln, und theoretisch könnte sich ein Miner-Kartell auch hier darauf einigen, Adressen zu blockieren. Dass die Block-Producer bei EOS viel stärker als bei Bitcoin dazu ermutigt werden, als Kartell aktiv in die Blockchain einzugreifen, könnte nun genau das Feature sein, mit dem EOS punkten möchte: Es ist eine regierte Blockchain. Keine Anarchie, sondern eine Chain, die man kontrollieren kann. Dies könnte der Hebel sein, der Blockchains für Regierungen und Konzerne attraktiv macht.

Und auch bei ICON ging die Sache gut aus. Es ist zwar keine schöne Lösung, dem Contract ständig den Befehl zu senden, Transfers zuzulassen, aber es funktioniert wohl ausreichend gut und ist automatisierbar. Damit bestätigen die beiden Vorfälle viel mehr, wie stabil Blockchains eigentlich sind. Sie sind kaum totzukriegen. Und das wiederum könnte, wenn man es denn so sehen will, eine gute Nachricht sein …

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